Die Riester-Rente soll die klaffende Lücke zwischen Beitragszahlern und Rentenempfängern in der Gesetzlichen Rentenversicherung durch die staatlich geförderte private Altersvorsorge schließen helfen. Ingesamt wurden bislang 4,5 Millionen Riester-Renten abgeschlossen. Nach Angaben des Bundessozialministeriums hätten sich allein im ersten halben Jahr 300.000 Bürger für eine Zusatzvorsorge entschieden. Grund genug für Bundessozialministerin Ulla Schmidt, die Riester-Rente als Erfolg zu feiern? Denn die rief das Jahr 2005 wegen des aktuellen Zuwachses an Neuverträgen bereits zum "Jahr der Riester-Rente" aus.
Richtig ist: Die Zahl der Riester-Renten stieg innerhalb eines Jahres um fast eine halbe Million auf jetzt 4,5 Millionen Verträge.
Richtig ist aber auch: Auf Basis der Zahlen kann man nur schlecht von einem durchschlagenden Erfolg sprechen. Die Riester-Rente wurde schon 2001 eingeführt. Die Zuwächse fallen seitdem recht mager aus und der Verbreitungsgrad ist immer noch recht gering.
Im Vergleich zur Gesamtzahl der Riester-Verträge, die ja für sich genommen schon niedrig ist, erscheint ein Zuwachs um 300.000 in einem halben Jahr also nicht gerade besonders umwerfend. Die staatliche Förderung reicht offenbar noch nicht aus, um das gewünschte Altersvorsorge-Volumen zu erzeugen, das nötig wäre, um die Lücke in der Gesetzlichen Rentenversicherung auch zu schließen.
Die zusätzliche Altersvorsorge durch möglichst viele Bürger wäre aber dringend nötig: Nach Informationen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) können die umlagefinanzierte und die Riester-Rente zusammen etwa 66 Prozent des Lohnes ersetzen. Insgesamt müssten die Versicherten trotz des Riester-Modells deutlich mehr zusätzlich sparen, wenn sie im Alter den gewohnten Lebensstandard halten möchten.
So müsste etwa ein heute 45-jähriger mit einem Bruttogehalt von 3.000 Euro etwa 16 Prozent seines Nettoentgelts sparen, um auf ein Versorgungsniveau von 70 Prozent seines letzten Nettogehalts zu kommen. Ein 55-jähriger mit einem Bruttogehalt von 3.500 Euro müsste dafür gar 32,5 Prozent sparen. Summen, die kaum aufzubringen sein dürften.
Als Ursache für das "Wachstum" bei der Riester-Rente sieht Ulla Schmidt die verbesserte Aufklärung darüber an, dass es nötig sei, privat vorzusorgen. Doch die Realität sieht anders aus. Nach Angaben des DIA wollen viele Deutsche inzwischen weniger für die Altersvorsorge sparen. Nur 5 Prozent wollen mehr sparen als bisher. Bei den Über-30-jährigen, die ihre Sparanstrengungen fürs Alter eigentlich besonders verstärken müssten, ist die Sparneigung sogar geringer ausgeprägt als bei den Unter-30-jährigen.
Die Gründe dafür liegen unter anderem in den gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die allgemeine Lohnzurückhaltung – die Nettolöhne und -gehälter stiegen im zweiten Quartal dieses Jahres um nur 0,1 Prozent – schmälern das verfügbare Einkommen der Arbeitnehmer. Um nicht auf allzu viel Konsum verzichten zu müssen, reduzierten die Verbraucher im zweiten Quartal ihre Sparquote von 10,7 auf 10,6 Prozent des verfügbaren Einkommens. Speziell bei der Riester-Rente kommt hinzu, dass Regelungen zur Förderung immer noch sehr kompliziert sind. Die Anlageprodukte sind schwer vergleichbar und unterliegen außerdem zahlreichen Restriktionen.
Wenn die Deutschen selbst vorsorgen, dann wollen sie auf Nummer sicher gehen und scheuen das Risiko. In einer Befragung des DIA erklärten 89 Prozent, dass für sie bei der Geldanlage ein hohes Maß an Sicherheit ausschlaggebend sei. Ein Drittel der Bundesbürger setzt dabei auf das eigene Haus oder andere Immobilien. Außerdem sind festverzinsliche Sparanlagen und Kapitallebensversicherungen beliebt.
Dass diese Formen der privaten Vorsorge nicht gerade die höchsten Renditen erbringen, scheinen die Bürger zu Gunsten der Sicherheit in Kauf zu nehmen. Rund 10 Prozent betreiben überhaupt keine Vorsorge und verlassen sich lieber auf die marode Rentenkasse. Dieses Verhalten wird aber absehbar dazu führen, dass viele Bürger im Rentenalter deutlich weniger haben werden als frühere Generationen. Schon die heutigen Rentenzahlungen fallen durch die Notmaßnahmen in der Rentenversicherung, wie der Aussetzung der Rentenanpassung und der Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors, real geringer aus als bisher.
FAZIT: Die Riester-Rente ist bisher nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Bürger können das Versorgungsniveau im Rentenalter nur halten, wenn sie neben den Beiträgen in die Gesetzliche Rentenversicherung und der Riester-Vorsorge deutlich mehr privat sparen und anlegen. Auch wenn das Haus
von Ulla Schmidt wahlkampfwirksam schon das „Jahr der Riester-Rente“ heraufbeschwört: Die Anzahl der abgeschlossenen Verträge ist nach wie vor zu gering, um von einem Erfolg zu sprechen und genügend Menschen eine ausreichende Rente zu sichern. Geschweige denn die Lücke in der Rentenkasse zu schließen.
Florian Seliger
Quellen:
Financial Times Deutschland, Printausgabe vom 24. August 2005
www.dia-vorsorge.de
www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/gutacht/themen.php
Unter Hinweis auf FactCheck Deutschland dürfen die Inhalte dieses Angebots für nicht-kommerzielle Zwecke weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Die verändernde Bearbeitung der Inhalte ist ausdrücklich nicht erlaubt. Es gelten die Lizenzvereinbarungen der "creative commons licence". Rechtsansprüche Dritter bleiben davon unberührt. Die kommerzielle Vervielfältigung und Weiterverbreitung bedarf der Genehmigung durch FactCheck Deutschland.