Marktorientierte Politiker wie die FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle und Guido Westerwelle müßten es eigentlich besser wissen: die von ihnen geforderte bzw. unterstützte teilweise Freigabe der nationalen Ölreserven wird gegen die derzeitige Preisexplosion an deutschen Zapfsäulen nichts wirklich ausrichten.
Dennoch nannte FDP-Chef Westerwelle den Vorschlag der CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel eine "kluge wie sinnvolle Möglichkeit", um die Bürger wenigstens etwas zu entlasten.
Innerhalb von zwei Tagen wird durch deutsche Politiker anscheinend eine Ölkrise herbeigeredet, die so aber gegenwärtig gar nicht existiert - die grundsätzliche Problematik bei der Ressource Öl für den Moment einmal beiseite gestellt. Möglicherweise, um sich im Anschluß daran den Wählern als kompetente Krisenmanager zu empfehlen?
Fakt ist: eine akute Verknappung von Rohöl ist trotz des enorm gestiegenen Energiehungers von aufstrebenden Wirtschaftsnationen wie China derzeit auf den Weltmärkten nicht zu beobachten.
Was den Rohöl-Preis gegenwärtig jeodch zusätzlich treibt, ist der Ausfall der Ölförderung im Golf von Mexico durch den Hurrikan "Katriana", von wo die USA rund ein Drittel ihres Öls beziehen. 58 Bohrinseln wurden beschädigt, allerdings wirken sich momentan die Schäden an den im amerikanischen Süden befindlichen Raffinerien wesentlich gravierender aus.
Die veralteten und dringend investitionsbedürftigen US-Anlagen arbeiten seit geraumer Zeit an der Kapazitätsgrenze, so daß die Produktion hinter dem Bedarf in den USA zurückfällt. Die Folge davon: sinkende Benzinlagerbestände und steigende Preise. Weltweit. Denn die zugrunde liegende Problematik endlicher Ressourcen löst an den Terminmärkten bereits Preissteigerungen aus, sobald auch nur die potentielle Gefahr von Engpässen entstehen könnte.
Nun fallen durch "Katrina" noch zusätzlich neun Raffinerien in den USA aus, was die Versorgungs-Situation verschärft. Zudem kann das raffinierte Benzin nicht durch die dafür vorgesehenen Pipelines ins Landesinnere gepumpt werden, da diese wegen Stromausfalls zur Zeit nicht betrieben werden können.
Durch diese - zunächst vorübergehenden Engpässe - explodieren die Preise sowohl am Ölmarkt als auch an deutschen Tankstellen, denn die USA kaufen jetzt auch vermehrt Bestände in Europa auf. Das trieb die Preise für Rohöl am Rotterdamer Spotmarkt allein in dieser Woche um 30 Prozent nach oben.
Die jetzt ausgefallene Ölförderung in den USA veranlaßte Präsident George W. Bush einen Teil der nationalen Ölreserven freizugeben. Doch mehr als ein psychologischer Effekt ist daraus nicht zu erwarten. Die freigegebenen Mengen sind viel zu gering, als daß sie sich - schon gar nicht auf längere Sicht - auf den Weltmarktpreis beim Rohöl auswirken könnten. Und das aktuelle Problem in der Erzeugung von Ölraffinierie-Produkten ist damit ja nicht gelöst.
Allenfalls könnte die internationale Gemeinschaft den USA bei der Überbrückung in der ausgefallenen Förderung helfen, in dem sie wiederum Teile ihrer Reserven den Amerikanern zur Verfügung stellt. Damit bei Wiederaufnahme des Raffineriebetriebs auch genügend Rohöl vorrätig ist. Für kurze Zeit kann das zumindest Panikkäufe und Nervosität am Ölmarkt in Zaum halten und die Preise vorübergehend stabilisieren.
Ebenfalls nur rein psychologische Wirkung hätte die Freigabe deutscher Ölreserven für den Markt. Sie würde dem Verbraucher aber nicht viel nützen, sondern als Einmal-Effekt wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein verdampfen. Das Anzapfen der Depotbestände hätte zudem den gravierenden Nachteil, daß das Öl, das vormals noch zu wesentlich günstigeren Preisen als jetzt dort eingelagert wurde, gegebenenfalls zu einem deutlich höheren Preis wiederbeschafft werden müßte.
Ein teures Werbegeschenk im Wahlkampf, das die Wähler zudem wieder selbst zu bezahlen hätten.
Iris K. Karlovits
Quellen:
www.verivox.de/news/ArticleDetails.asp
de.biz.yahoo.com/050901/3/4o5x2.html
www.handelsblatt.com/pshb
de.biz.yahoo.com/050902/336/4o8fv.html
www.bundesregierung.de
www.rp-online.de/public/article/nachrichten/politik/deutschland/105195
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