Ob Edmund Stoiber, Volker Kauder oder gar die Kanzlerkandidatin Merkel selbst: Es vergeht kaum eine Talkshow, in der sich die Wahlkämpfer der Union nicht um die zunehmende Verlagerung von Jobs ins Ausland sorgen. Schnell ist von „dramatischen Entwicklungen“ die Rede. Als Beweis werden schockierende Zahlen ins Feld geführt: Täglich sollen angeblich 1000 Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden.
Fakt ist: Niemand weiß, wo diese Zahlen überhaupt her kommen. Seriöse Statistiken belegen derartige Wanderbewegungen jedenfalls nicht. Im Gegenteil, so fand eine Studie des renommierten Finanzberatungsunternehmens Morgan Stanley heraus, dass der Anteil in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten und vor allem verglichen mit den USA vergleichsweise gering sei. Ist die wachsende Jobverlagerung also nur ein Wahlkampf-Schlager?
Richtig ist, dass in den vergangenen Jahren viele sozialversicherungspflichtige Vollzeit-Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut worden sind. Wahr ist aber auch, dass (vermutlich) nur ein geringer Teil davon ins Ausland verlagert wurde. Und wahr ist vor allem, dass es leider kaum bis keine statistischen Belege für die Abwanderung gibt.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schätzt, dass es im schlimmsten Fall 50.000 Stellen jährlich sind. Stellen, bei denen man aber nicht gleich von Verlagerung sprechen könne. Vielmehr dienen diese Arbeitsplätze auch dazu, neue Märkte zu erschließen. Die im vergangenen Jahr deutlich gestiegene Exporttätigkeit deutscher Unternehmen führe – laut DIHK-Analysen – zu einem verstärkten Aufbau von Vertriebs- und Kundendienststrukturen. Und hier liegt es schlicht in der Natur der Sache, dass man diese Jobs dort aufbaut, wo man sie auch braucht: vor Ort, im Ausland.
Zwar gaben im Jahr 2004 in einer DIHK-Umfage 39 Prozent der Unternehmen an, sie würden vor allem aus Kostengründen im Ausland investieren, doch fast ebenso viele (31 Prozent) nannten den Aufbau von Vertrieb und Kundendienst als Hauptgrund. Für 2005 wandelte sich das Bild sogar: Hier gaben nur noch 34 Prozent an, aus Kostengründen im Ausland zu investieren – während 40 Prozent vor allem Vertriebsgründe anführten.
Eine Untersuchung des Osteuropa-Instituts ging sogar noch weiter: Dreiviertel der Firmen, die dort investierten, würden dies nur tun, um neue Märkte zu suchen. Hinzu treten andere wichtige Gründe: Besonders für große Unternehmen spielt eine wachsende Rolle, dass zum Beispiel die Produktion in Nordamerika eine natürliche Absicherung gegen starke Schwankungen des Euro-Dollar-Wechselkurses bietet.
Generell gilt: Je kleiner das Unternehmen, desto wichtiger werden bei Auslandsinvestitionen die Motive Kostenersparnis und Unterstützung der Exporttätigkeiten durch den Aufbau von Vertrieb und Kundendienst. Daher sind für diese Unternehmen die kostengünstigen und nahen Produktionsstandorte der neuen EU-Mitgliedsländer Mittel- und Osteuropas besonders interessant, wobei anzumerken ist, dass nur etwa jedes zehnte deutsche Unternehmen intensiv (also mehr als eine Million Euro) im Ausland investiert.
Im Übrigen ist die Verlagerung der Produktion in andere Länder keineswegs neu. Bereits in den 60er und 70er Jahren wurde Produktion aus dem Verarbeitenden Gewerbe in großem Umfang nach Japan verlagert. In den 80er und 90er Jahren verlegten die Industrieländer Teile ihrer Produktion nach Süd-Ost-Asien oder Lateinamerika, speziell in den Branchen Elektrotechnik und Maschinenbau.
In der jüngeren Vergangenheit gewinnt China (neben Mittel- und Osteuropa) als Standort für das Verarbeitende Gewerbe immer mehr an Bedeutung. Neu hingegen ist, dass mit der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft und der damit drastisch sinkenden Transaktionskosten nun auch Dienstleistungen in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten erstellt und von dort importiert werden.
Das hat speziell die IT- und TK-Branche (Informationstechnik und Telekommunikation) zu spüren bekommen. Doch dieses sogenannte „Offshoring“ kann in sehr unterschiedlichen Formen auftreten, was es erheblich erschwert, die Ströme statistisch zu erfassen. Offshoring fällt beispielsweise häufig unter grenzüberschreitenden Handel.
Falls ein Tochterunternehmen gegründet oder zu mindestens zehn Prozent erworben oder ein Joint Venture eingegangen wird, liegt dagegen statistisch gesehen eine Direktinvestition im Ausland vor. Oft werden jedoch nur vorübergehend Arbeitskräfte ins Ausland entsandt, was je nach Institution nicht als grenzüberschreitender Vorgang gewertet wird.
Trotz aller statistischen Probleme – DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun stellte auf einer Pressekonferenz am 31. August 2005 fest, dass das Auslandsengagement deutscher Betriebe eine „wesentliche Stütze der Konjunktur“ sei. Knapp 37 Prozent der Firmen hätten seit Beginn ihrer Auslandstätigkeit auch neue Stellen in Deutschland geschaffen – und nur 22 Prozent hätten Jobs in Deutschland abgebaut. Er sagte aber auch, dass die Produktionsverlagerung immerhin für jedes vierte Unternehmen ein Thema sei.
Was heißt das nun für die Beschäftigung in Deutschland? Zum Beispiel, dass Auslandsinvestitionen auch Jobs im Inland sichern können – wenn Unternehmen sich dadurch neue Märkte und größere Absatzchancen eröffnen. Denn solche Investitionen führen häufig zu Folgeaufträgen für die heimischen Produktionsstätten, sowohl innerhalb des Unternehmens als auch bei den Zulieferern.
Wobei jedoch diese Effekte in der Vergangenheit nachgelassen haben. Zwar deuten die Ergebnisse aktueller Konjunkturumfragen erstmals seit langem darauf hin, dass auch im Inland mit höheren Investitionen zu rechnen ist, doch gehen diese – nach Aussage der von der DIHK befragten Unternehmen – eher in die Modernisierung. Die Bereitschaft für Erweiterungsinvestitionen stockt nach wie vor. Das heißt, an den beeindruckenden Exporterfolgen deutscher Unternehmen werden auch in naher Zukunft immer weniger inländische Arbeitnehmer beteiligt sein – mit den bekannten negativen Folgen für die Binnennachfrage.
Woher die Wahlkämpfer der Union aber ihre ominöse Zahl von „Tausend Jobs pro Tag“ nehmen, bleibt weiter ungeklärt. Die amtlichen Statistiken geben diese Interpretation jedenfalls nicht her.
Daniel Buhr
Quellen:
www.morganstanley.com/GEFdata/digests/20040804-wed.html
www.ftd.de/pw/de/20426.html
www.dihk.de
www.bundesbank.de/
www.ecin.de/strategie/offshoring-dienstleistungen/
Volker Kauder in "Sabine Christiansen", ARD 12.06.2005
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