Der Kanzler und die Jugendarbeitslosigkeit

"Wir haben die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa", so Bundeskanzler Gerhard Schröder im Sommerinterview mit der ARD am vergangenen Sonntag. Tags drauf ließ sich CDU-General Volker Kauder erneut prompt vernehmen: Alles Lüge, so der Tenor auf der Internetseite der CDU, ein direkter Frontalangriff auf den Amtsinhaber Gerhard Schröder.

Nur lag der CDU-Wahlkampfmanager damit auch wieder nicht so ganz richtig. Der europäischen Statistik zufolge und im engen Sinn hat Volker Kauder durchaus recht: Bei der Jugendarbeitslosigkeit in Europa kommt Deutschland tatsächlich erst an 7. Stelle - jedoch von immerhin insgesamt 25 Ländern und liegt daher noch im oberen Drittel.

Zumindest gemäß der statistischen Erhebung der Brüssler Behörde "Eurostat" steht Deutschland neben Ländern wie Dänemark, Großbritannien, Irland sowie den Niederlanden oder Zypern wirklich so schlecht nicht da, die die Arbeitslosenquoten bei Jugendlichen unter 25 Jahren zuletzt zwischen sieben und 11,3 Prozent auswiesen.

Mit einer von Eurostat ausgewiesenen Quote von 14,9 Prozent im Juni 2005 gehört Deutschland tatsächlich zu den wenigen europäischen Ländern, die in punkto Jugendarbeitslosigkeit noch vergleichsweise gut abschneiden und auch deutlich unter dem Euro-Schnitt aller 25 Länder von 18,4 Prozent liegen.

Auch braucht Deutschland an dieser Stelle nicht den Vergleich mit den großen EU-Westländern zu scheuen: Frankreich, Italien und Spanien haben erheblich größere Probleme mit der Jugendarbeitslosigkeit. Relativ gesehen.

Problem: verdeckte Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen

Allerdings sind Statistiken meist eher Anhaltspunkte als daß sie die ganze Realität widerspiegeln.

Kein Wunder also, daß Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement Ende Juli ziemlich verstimmt auf einen Bericht des "Spiegel" reagierte, der ihm Erfolglosigkeit bei der Förderung junger Arbeitsloser vorwarf. Schließlich müht sich die Bundesregierung seit ein paar Jahren und mit etlichen Sonderprogrammen und -maßnahmen, der Jugendarbeitslosigkeit Herr zu werden.

Doch Jugendliche haben das gleiche Problem wie andere Arbeitslose auch: es gibt zu wenig Arbeitsplätze oder die Qualifikation paßt nicht zu den angebotenen offenen Stellen. Erschwerend kommt hinzu, daß die Bundesagentur für Arbeit nur diejenigen als arbeitslos registriert, die sich auch melden.

Und das tun längst nicht alle. Wie der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Karl Brenke gegenüber der Nachrichtenagentur ddp Anfang Juni äußerte, ist die versteckte Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen ziemlich hoch, weil sie entweder keine Leistungen zu erwarten hätten und sich deshalb nicht registrieren lassen würden oder weil sie die Hoffnung auf einen festen Arbeitsplatz aufgegeben hätten. Und wer in der Zwischenzeit jobbt, gilt nicht als arbeitslos. Handfeste Zahlen gibt es nicht, die Schätzung für den März diesen Jahres liegen jedoch bei 300.000 arbeitslosen Jugendlichen, die sich nicht bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet haben.

Zahlenspiele, die am Kern vorbeigehen

Am Ende scheint im Wahlkampf nur zu zählen, wer welche Statistik für sich am besten auszuwerten versteht.

Nach Methodik des internationalen Standards zur Vergleichbarkeit der Arbeitslosenzahlen (ILO), den die Bundesagentur seit Anfang des Jahres neben ihren eigenen Berechnungen zusätzlich anwendet, ergibt sich auch bei der Jugendarbeitslosigkeit noch einmal ein etwas anderes Bild.

Nach ILO-Standard waren im Juni 2005 16,7 Prozent der Jugendlichen unter 25 Jahren in Deutschland arbeitslos. Das sind immerhin 1,8 Prozent mehr als bei Eurostat ausgewiesen, deren Erhebung ebenfalls auf die ILO-Daten zurückgreift, sie allerdings nochmals "harmonisiert", um die europäische Vergleichbarkeit für alle 25 Mitgliedsländer auch zu gewährleisten.

Und auch nach herkömmlichen Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit sieht die Bilanz für arbeitslose Jugendliche alles andere als gut aus: im Juni verzeichnete die Agentur eine Arbeitslosenquote bei Jugendlichen unter 25 Jahren von 11,3 Prozent - gegenüber dem Vorjahr aber ist die Jugendarbeitslosigkeit immerhin noch um über 20 Prozent höher ausgefallen (Februar 2005: plus 28,5 % gegenüber dem Vorjahr).

Allerdings: gleich ob nun nach Eurostat, "Ilo" oder der Bundesagentur für Arbeit, ob registriert oder versteckt: die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland wie schon die allgemeine Arbeitslosigkeit - für sich genommen - immer noch zu hoch. Das Jonglieren der Wahlkämpfer mit den amtlichen Statistiken kann darüber nicht hinwegtäuschen. 

Iris K. Karlovits
Mitarbeit: Florian Seliger

Quellen:

Das ARD-Sommerinterview mit Bundeskanzler Gerhard Schröder finden Sie unter:

www.bundesregierung.de

www.cdu.de
europa.eu.int
www.destatis.de/themen/d/thm_erwerbs.php
www.destatis.de/indicators/d/arb110ad.htm
www.destatis.de/indicators/d/arb110jd.htm
www.destatis.de/indicators/d/arb110md.htm

www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,366590,00.html

www.bmwa.bund.de/Navigation/arbeit,did=73636.html

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