Deutschland Pleiteland?

"Dafür steht rot-grün: Alle 15 Minuten eine Firmenpleite", plakatiert die CDU. Manchen Betrachter mag die Zahl auf den ersten Blick schockieren, doch sie stimmt: vier Pleiten pro Stunde ergeben aufs Jahr gerechnet 35.040 Unternehmensinsolvenzen. Die Statistik der Wirtschaftsauskunftei "Creditreform" stützt diese Rechnung – und prognostiziert für das laufende Jahr sogar 38.000 Insolvenzen. Ist Deutschland demnach ein Pleiteland?

Fakt ist, dass Deutschland nach Frankreich die meisten Unternehmensinsolvenzen aufweist. Das könnte daran liegen, dass Deutschland mit Abstand das bevölkerungsreichste Land ist; warum gehen dann aber in Italien bei knapp 58 Millionen Einwohnern nur 17.500 Unternehmen pleite – und in Spanien sogar nur 570 pro Jahr? Die Gründe sind vielschichtig. Zunächst ist der internationale Vergleich von Insolvenzzahlen nur bedingt möglich. Auch weil die Rechtsprechung sehr unterschiedlich sein kann.

So wird in Spanien beispielsweise das Insolvenzrecht nur von großen Unternehmen genutzt – die kleinen Betriebe lassen ihre Unternehmen als "Ruine" in den Büchern stehen und scheuen den Aufwand einer vollständigen Abwicklung. In diesem Zusammenhang verblüfft auch nicht, dass gerade das kleine aber reiche Luxemburg zwar mit großem Abstand weltweit das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf aber eben auch die höchste Insolvenzquote hat – also die meisten Insolvenzen im Verhältnis zur Anzahl bestehender Unternehmen.

Auf anhaltend hohem Niveau

In Deutschland hoffte man im vergangenen Jahr sehnsüchtig auf eine Trendwende bei den Firmenpleiten. Sie blieb aus, wobei die Zahl der Insolvenzen aber nur noch gering, nämlich um 0,3 Prozent auf 39.600, stieg. Dieses Jahr nun der Wendepunkt, wobei der Rückgang wohl eher marginal ausfallen wird. Bedrohlich kreist der Pleitegeier weiter.

Die immer noch hohe Zahl von Insolvenzen liegt vor allem in der mangelhaften finanziellen Ausstattung vieler Betriebe begründet – und schlicht an der schwachen Konjunktur. In Deutschland sind gerade viele mittelständische Unternehmen "unterkapitalisiert". Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schätzt die Eigenkapitalquote (Eigenkapital im Verhältnis zur Bilanzsumme) auf magere 20 Prozent.

Zum Vergleich: in Spanien liegt diese bei 41 Prozent. Durch die neuen Richtlininen für die Kreditvergabe (Stichwort: Basel II) rücken aber gerade für kleine, bonitätsschwache Unternehmen überlebenswichtige Kredite in weite Ferne. Ihr "Rating" ist zu schlecht, will sagen: wer nicht genügend Kapital in der Hinterhand hat, ist dementsprechend auch nur eingeschränkt kreditwürdig.

Mit einem schlechten Rating verteuern sich also automatisch die Kredite: die Zinsforderungen sind zu hoch, oft unerschwinglich. Das Resultat: Die Unternehmen geben auf, werden liquidiert (das heißt: die ausstehenden Forderungen können sie noch begleichen) oder tauchen, weil überschuldet, schließlich in der Insolvenzstatistik auf.

Neben die niedrige Eigenkapitalquote tritt oft eine schlechte Zahlungsmoral der Kunden - somit werden aus Gläubigern auch wieder insolvente Unternehmen. Die durchschnittliche Höhe der Forderungsverluste gibt die Creditreform mit 668.000 Euro an. Außenstände in dieser Höhe können vor allem kleine Unternehmen schnell in eine bedrohliche Schieflage bringen. Eine längere finanzielle Durststrecke überleben sie eher selten.

Die Folge: nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gingen im Jahr 2004 mehr als 16.000 Einzelunternehmer und fast 19.000 GmbHs pleite, aber nur 415 Aktiengesellschaften. Mehr als 70 Prozent aller Unternehmensinsolvenzen kommen aus der Klasse der sogenannten Klein- und Mikrobetrieben, also Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten.

Steilvorlage für den Wahlkampf

Angesichts dieser Zahlen spricht der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Meister, ironisch von einer "schönen Bilanz" der rot-grünen Bundesregierung. Es ist Wahlkampfzeit und daher müssen auch die Statistiken über die Firmenpleiten als "Munition" herhalten.

"Die Zahl wird immer wieder falsch interpretiert", zitiert die "Welt am Sonntag" in einem Beitrag vom 26. Juni dieses Jahres den Berliner Insolvenzverwalter Hartwig Albers. Ein entscheidender Grund für die hohe Anzahl der Insolvenzen sei eine Gesetzesänderung aus dem Jahre 2001. Die besagt, dass der Staat in bestimmten Fällen die Kosten für ein Insolvenzverfahren stunden kann: wenn der insolvente Schuldner eine natürliche und keine juristische Person ist und zugleich einen Antrag auf Restschuldbefreiung stellt - dann übernimmt der Staat die Kosten für das Insolvenzverfahren. So entledigen sich seither viele Schuldner auf eine relativ elegante, weil günstige und schnelle Art ihrer Altlasten.

Interessant dabei ist, dass auch Kleinunternehmer von dieser Gesetzesänderung Gebrauch machen können. Darunter versteht man Unternehmen, die zum Beispiel als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GBR) geführt werden und daher mit ihrem Privatvermögen haften. Waren sie vor der Insolvenz auch noch als selbständige Gewerbetreibende angemeldet, dann halten sie Einzug in die Pleitenstatistik. Und das gleich auf doppelte Weise. Weil es seit einer Gesetzesänderung aus dem Jahre 1999 auch die Möglichkeit einer (privaten) Verbraucher-Insolvenz gibt, werden die persönlich haftenden Gesellschafter aufgrund der Rechtsform ihres Unternehmens folglich sowohl in der Rubrik "Privatinsolvenzen" als auch bei den "Unternehmensinsolvenzen" gelistet.

Kein Wunder also, dass dadurch die Insolvenzen im Jahre 2002 in der absoluten Summe um mehr als 70 Prozent gestiegen sind. Daraus zieht Insolvenzverwalter Albers den Schluss: "Diese sogenannten Firmeninsolvenzen gäbe es offiziell gar nicht, wäre die Regelung über die Stundung nicht Gesetz geworden. Denn dann wären die Verfahren nie eröffnet worden."

Auch den nahe liegenden Zusammenhang von schlechter Konjunktur und Pleitewelle lässt Albers nur bedingt gelten, schließlich entscheide in erster Linie der Unternehmer mit seinem Geschick über den Erfolg und Misserfolg seiner Firma. Das unterstreicht eine Befragung unter Insolvenzverwaltern in Deutschland. Diese erklärten gegenüber der Creditreform, dass mehr als zwei Drittel der Insolvenzen auf Managementfehler zurückzuführen seien. Auswirkungen externer Probleme wie Marktsättigung, spezifische Branchenkonjunktur oder politische Rahmenbedingungen wären dagegen nur bei einem Fünftel der Unternehmen der ausschlaggebende Grund für den Exitus.

Die Gründe liegen also irgendwo zwischen Charles Darwins "survival of the fittest" und Joseph Schumpeters "schöpferischer Zerstörung". Dabei müsste es oft gar nicht so weit kommen, wenn schon frühzeitig ein Insolvenzplan erstellt würde, mit dem sich Unternehmen noch rechtzeitig sanieren ließen. Doch auch wenn jede Rettung zu spät kommt: aus vielen insolventen Firmen gehen neue Unternehmen mit neuen Chancen hervor.

Schlägt der Gründergeist den Pleitegeier?

Daher lohnt auch ein Blick auf die Gründungsbilanz. Schließlich wurde im vergangenen Jahr mit 928.000 Neueintragungen in den deutschen Gewerbe- und Handelsregistern ein neuer Rekord aufgestellt. Doch der ändert nichts an der Tatsache, dass die Anzahl der echten Betriebsgrünungen – also Unternehmen, die aktiv am Wirtschaftsleben teilnehmen, d.h. Geschäftsabschlüsse tätigen, investieren und Arbeitsplätze schaffen – im internationalen Vergleich immer noch recht niedrig ist. Als größten Hemmschuh bei der Existenzgründung nennen potenzielle Gründer die schlechte konjunkturelle Lage sowie das hohe finanzielle Risiko.

Im Jahr 2004 stehen den Gründungen von fast einer Million in den Registern 666.000 Löschungen gegenüber. Es bleibt also immerhin ein Saldo von 262.000 neuen Unternehmen. Doch wahrscheinlich nur jedes vierte Unternehmen ist davon kein ausschließlicher Nebenerwerbs-Betrieb.

Auffällig auch, dass gerade die Neugründungen im Handel und in der Dienstleistungssparte enorm steigen. Obwohl gerade der Einzelhandel und die konsumorientierten Dienstleister unter schwachem Konsum und daher schlechter Auftragslage zu leiden haben, entscheiden sich viele Gründer dennoch für diese Branchen. Wohl auch, weil sie nur einen geringen Kapitaleinsatz erfordern und sich häufig aus Ich-AGs speisen.

Mit der Gründung einer Ich-AG erhält ein Arbeitsloser mit einer Geschäftsidee - noch - drei Jahre lang Fördergelder: im ersten Jahr monatlich 600 Euro, im zweiten 360 und im dritten Jahr 240 Euro monatlich. Diese Kleinstgründungen dürfen in dieser Zeit keine Mitarbeiter einstellen und ein Einkommen von 25.000 Euro nicht übersteigen – sonst verlieren sie ihren Förderanspruch. Bisher ist mit den Ich-AGs nicht mehr als nur die Hoffnung verknüpft, dass solche Unternehmungen genügend wirtschaftliche Substanz entwickeln, um auch langfristig zu bestehen.

Verantwortung liegt vor allem bei den Unternehmen

So lässt sich der Erfolg und Misserfolg von staatlichen Förderprogrammen – beispielsweise die Ich-AGs – zweifelsohne nur langfristig untersuchen und demnach auch zuzuordnen, wer dafür in welchem Maße verantwortlich zeichnet. Die Pleitenstatistik ist dafür jedoch ein nur äußerst schwacher Beleg. Die Politik kann hier allein - und angesichts einer globalen Wirtschaft nur begrenzt - die Rahmenbedingungen beeinflussen. Wie sich ein Betrieb innerhalb dieses Rahmens behauptet, ist vor allem Sache des Unternehmens selbst. Im Guten wie im Schlechten. Vor diesem Hintergrund relativiert sich auch wiederum der Stolz der amtierenden Bundesregierung, die sich allein mit der gestiegenen Anzahl staatlich geförderter Ich-AGs "nachhaltige" Erfolge auf die Fahnen zu schreiben sucht. 

Daniel Buhr

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Quellen:

www.creditreform.de
www.zew.de
www.wams.de
www.imf.org
www.bmwa.bund.de/Navigation/existenzgruender,did=71160.html

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