Deutschland ist Weltmeister – Exportweltmeister. Stolz führen dieser Tage vor allem SPD-Politiker, allen voran Bundeskanzler Gerhard Schröder, diesen Titel im Mund. Und es stimmt. Renomierte Wirtschaftsinstitute bestätigen das, die Statistiken belegen es gleichermaßen. Doch auch hier lohnt ein genaues Hinsehen, denn der Titel des Exportweltmeisters ist in mehrfacher Hinsicht zu relativieren. So bezieht sich dieser Erfolg zunächst auf die reine Warenausfuhr.
Werden auch die Exporte von Dienstleistungen hinzugezogen, schimpft sich Deutschland nur noch „Vize“. Zugegeben, die Dienstleistungen machten im vergangenen Jahr mit etwas mehr als 2,1 Billionen US-Dollar noch nicht mal ein Viertel des weltweiten Warenhandels (8,8 Billionen US-Dollar) aus. Aber dafür sind diese Statistiken auch stark vom Wechselkurs abhängig. Und weil die Exportwerte in US-Dollar erfasst werden, nehmen die deutschen Exportwerte mit Aufwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar – wie im vergangenen Jahr geschehen – bei gleich bleibender Exportmenge automatisch zu.
Unbestritten ist der Außenhandel eine der wichtigsten Triebfedern für das Wirtschaftswachstum in Deutschland. Hatte der Anteil der Exporte von Waren und Dienstleistungen im Jahr 1980 noch bei rund 26 Prozent des Bruttosozialprodukts gelegen, liegt er heute bereits bei 35 Prozent.
Deutschland ist zwar weniger abhängig vom internationalen Handel als Länder wie Irland, Norwegen oder Kanada, aber deutlich abhängiger als Japan oder die USA. Schließlich klammert sich nahezu jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland an den Export. Die Zahlen sind eindrucksvoll: Allein seit 1993 haben sich die Exporte verdoppelt, die Importe haben um mehr als 180% zugenommen und der Ausfuhrüberschuss hat sich sogar mehr als vervierfacht.
Und doch zeigt das Bild des Weltmeisters Risse: der Außenhandel wächst langsamer – besonders wenn man ihn mit dem Wachstum anderer Länder vergleicht, zum Beispiel China. Länder wie Chile, Nigeria und Kasachstan konnten bei sich – vor allem dank ihrer Rohstoffe und der dramatisch steigenden Preise dafür – jüngst sogar Wachstumsraten von 50 % und mehr bewundern. Das heißt, der deutsche Exportanteil hat seit Anfang der neunziger Jahre tendenziell abgenommen (sich jedoch aktuell ein wenig erholt), auch weil sich immer mehr Volkswirtschaften stärker am Welthandel beteiligen.
Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt wächst also, besonders aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China und Inden wollen ebenfalls ihren Anteil am Kuchen. Zwar steht Deutschland mit seinen Exporten gegenüber andern Nationen immer noch gut da, allerdings scheinen Welthandelsanteile von 12,2 Prozent wie im Jahr 1990 nicht mehr erreichbar. Im Jahr 2000 lag der Anteil der Deutschen am Welthandel nur noch bei 8 Prozent. In den vergangenen drei Jahren hat die deutsche Exportwirtschaft weiteren Boden gut gemacht, 0,9 Prozent mehr Anteile konnten zurückerobert werden.
Produkte mit dem Label "made in Germany" sind also nach wie vor in der Welt gefragt. Häufig vergessen wird dabei jedoch, daß immer weniger "made in Germany" drin ist. Denn immer mehr Vorprodukte werden aus ausländischen Produktionsstätten importiert, wo sie zu günstigeren Konditionen hergestellt werden. Damit verbunden ist jedoch der vielbeklagte "Export" von Arbeitsplätzen in Länder mit niedrigeren Lohnkosten, der die deutsche Wirtschaft auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig hält. Das ist der Preis für den mit Stolz geführten Titel "Exportweltmeister". Gleichzeitig gerät das gewinnträchtige Etikett "made in Germany" zunehmend zum Markenschwindel.
Kann sich Deutschland auf seinen Titel also gar nichts einbilden? Doch. Aber es gibt eben einiges zu bedenken. Und es stellt sich die Frage, ob ein stures Schielen auf die Exporterfolge überhaupt erstrebenswert ist. Denn schließlich fließt bei einem Ausfuhrüberschuss ja auch Kapital aus Deutschland ab und damit Investitionen. Bleiben die Importe und Direktinvestitionen also permanent hinter den Exporten zurück, könnte der Weltmeister bald ohne Titel dastehen.
Daniel Buhr,
Iris K. Karlovits
Quellen:
Institut der deutschen Wirtschaft. Köln. Deutschland in Zahlen, Köln 2002, S.41
Jahresgutachten 2004/05 des Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, S. 354
www.niw.de
www.welt.de/data/2005/07/14/745659.html
www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,375066,00.html
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